Jedes Kind hat eine Chance verdient

Gespräch mit Gene da Silva

chance for children: Gene, was hat Dich motiviert, Dein Leben den Kinder von Cheeta Camp zu widmen?

da Silva: Das ist eine lange Geschichte. Als ich vor 47 Jahren in Mumbai geboren wurde, hatte ich eine gute Zukunft vor mir. Mein Hobbys waren Sport, Sport und nochmal Sport. So wurde ich zum Fussballprofi – bis ein Unfall meinen rechten Arm lähmte und mich völlig aus der Bahn warf. Weil ich meinen erlernten Beruf als Klempner nicht mehr ausüben konnte, hielt ich mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, scheiterte aber auch damit und rutschte in ein Leben mit Alkohol und Drogen.

chance for children: Das ist kein ganz seltenes Schicksal in Mumbai.

da Silva: Nein, ganz und gar nicht. Für viele junge Männer, die in Armut und Hoffnungslosigkeit geboren werden, ist das der sicherste Weg in ein Leben im Slum oder auf der Straße, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Zu Arbeitslosigkeit und Alkoholkonsum gesellen sich schnell auch Kriminalität oder körperlicher Verfall oder beides. So ist es wiederum unmöglich, in ein Leben mit geregelter Arbeit und sicherem Auskommen zurückzukehren und der Weg geht immer weiter nach unten.

chance for children: Wer hat Dir aus diesem Kreislauf hinausgeholfen?

da Silva: Letzten Endes muss ich den Schwestern des Ordens von Mutter Teresa dafür dankbar sein. Meine Mutter, die mich immer nach Kräften unterstützt hat, brachte mich in das Heim “ashadaan”. Dort geben die “sisters” den Ärmsten der Armen, Kranken und Behinderten etwas zu Essen, Kleidung, medizinische Versorgung und ein bisschen menschliche Wärme. Oft können Sie ihre Schützlinge jedoch nach jahrelangem Dahinvegetieren auf der Straße nur noch mit viel Liebe auf einen humanen Tod vorbereiten.

chance for children: Und das war für Dich der Wendepunkt?

da Silva: Ja, so kann man das nennen. Die Schwestern von “ashadaan” haben mir zunächst Arbeit und meinem Leben damit einen neuen Sinn gegeben. Der allgegenwärtige Kontakt zu den Allerschwächsten unserer indischen Gesellschaft hat mir Herz und Augen geöffnet. Ich konnte in 9 Monaten “ashadaan” sehen, dass es viele, viele Menschen gibt, denen es noch deutlich schlechter ging als mir. Während dieser Zeit fasste ich den Entschluss, diesen Menschen im Geiste Mutter Teresas zu helfen.

chance for children: Und daraus wurde Dein Projekt jeevandhara.

da Silva: Natürlich nicht sofort und auch nicht gleich als “fulltime – job”. Nach meiner Zeit in “ashadaan” ging ich zunächst einer “ordentlichen Arbeit” nach, verkaufte Bücher und Computer. Allerdings hatte ich dabei von Anfang an das Ziel, mich nur noch humanitärer Hilfe zu widmen sobald ich mich selbst aus Erspartem würde ernähren können. So besorgte ich u.a. für die Schwestern kostenlose Medizin, indem ich pharmazeutische Firmen um entsprechende Spenden bat. Im Jahre 1998 fiel dann mein Entschluss, mein “bürgerliches Leben” aufzugeben und jeevandhara zu gründen.

chance for children: ... aber doch nicht gleich von 0 auf 100!

da Silva: Nein; meine erste Aktivität war die Unterstützung einer Frau mit 3 kleinen Kindern, die in Cheeta Camp lebte und gerade von ihrem alkholabhängigen Ehemann allein gelassen worden war. Schnell sah ich jedoch, dass es in diesem Slum tausende solcher alleinstehender Mütter und zahllose andere drängende Probleme gibt. Hilflose alte Menschen, Unterernährung, Aids und andere schwere Krankheiten und vor allem fehlende oder mangelhafte Ausbildung bestimmen hier den Alltag. 40 % der Einwohner von cheeta camp sind unter 10 Jahren; insbesondere Ihnen gilt unser Augenmerk.

chance for children: Wo steht jeevandhara heute?

da Silva: Dank der Unterstützung meiner Frau, einer ausgebildeten Sozialarbeiterin, haben wir inzwischen in Cheeta Camp ein Netzwerk umfassender Hilfe aufgebaut. Dazu gehören u.a. kleine Aktivitäten wie die Begleitung bei Behördenbesuchen oder medizinische Versorgung aber auch die Organisation von Selbsthilfegruppen. Wir helfen den Menschen auch, Sparen zu lernen und können mit der Unterstützung einer grossen Bank dadurch sog. “micro credits” vergeben, die mit 1 % Zinsen in kleinen monatlichen Beträgen zurückzuzahlen sind. Unser grösstes Projekt ist die Fort- und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen. Für die Kleinsten haben wir unser Projekt des Nachmittagsunterrichts. Die Älteren können wir inzwischen in einem eigenen kleinen Gebäude mitten in cheeta camp unterrichten. Sie erhalten dort Nachhilfe in ihrer jeweiligen Muttersprache, aber auch in Englisch, ohne dass sie heute keinerlei Chancen auf dem indischen Arbeitsmarkt haben. Erfahrene Spezialisten unterweisen Jugendliche z.B. bei der Reparatur von Computern oder Handy´s, vermitteln aber auch andere handwerkliche Fähigkeiten.

chance for children: Was sind Deine Zukunftspläne?

da Silva: Meine Sorge gilt vor allem den Kindern in Cheeta Camp. 70 % brechen die staatliche Schulausbildung ab. Selbst wenn sie dort einen Abschluss machen, sind sie so unterqualifiziert, dass sie auf dem indischen Arbeitsmarkt keinen Job finden. Mit einer guten Ausbildung haben sie die Chance auf eine gute Arbeit zu einem ausreichenden Lohn. Damit können sie Cheeta Camp verlassen, eine angemessene Wohnung finden und eine Familie gründen. Ich möchte deshalb einerseits den Nachmittagsunterricht qualitativ und quantitativ ausweiten; im Mittelpunkt stehen dabei die Basisfächer Mathematik, Lesen und Schreiben in der jeweiligen Muttersprache sowie Englisch. Meine weitere Vision ist es, eine jeevandhara – Schule in Cheeta Camp zu gründen, um noch mehr Kindern, insbesondere aus den ärmsten Familien, die Chance auf eine qualifizierte Ausbildung und eine gute Zukunft zu geben.

chance for children: Sind Eure Aktivitäten nicht doch “a drop in the ocean”?

da Silva: Einerseits natürlich schon. Die Probleme in unseren slums wachsen täglich, gerade in den Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise. Gleichzeitig haben wir Sonderprobleme unseres Subkontinents wie die zunehmende Landflucht und die Bevölkerungsexplosion. Das verschärft für immer mehr Menschen in den städtischen Slums die täglichen Sorgen. Nicht einmal alle NGO´s zusammen können dem letztlich allein entgegenwirken. Also “a drop in the ocean”. Aber: um im Bild zu bleiben: “it´s not a drop for the one who get it”. So wirken wir im Geiste Mutter Teresa´s.

chance for children: Gene, vielen Dank für das Gespräch!

da Silva: Ich habe Ihnen zu danken, im Namen der Familien in Cheeta Camp und auch in meinem eigenen Namen. Verbunden mit diesem herzlichen Dank für Ihre Unterstützung aus Deutschland grüssen wir alle Spender und alle Personen, die sich für chance for children engagieren.

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