Jedes Kind hat eine Chance verdient

Patenbrief August 2005

Liebe Freundinnen und Freunde von chance for children,

viele von Euch haben sich und uns in den letzten Monaten immer wieder gefragt, wie sich unser Kinderfarmprojekt in Indien entwickelt und wann sie denn endlich ihre Patenschaften antreten können. Wir sind über die spontane Hilfsbereitschaft und die zum Ausdruck gebrachte Ernsthaftigkeit natürlich sehr, sehr erfreut und hoffen weiter auf die zukünftige kräftige Unterstützung unseres Projekts. Wir, Andrea und Uwe, sind im August erneut nach Indien geflogen und können Euch nun endlich Genaueres berichten.

Wer sich in dieser Arbeit auskennt, weiß, wie schwierig es oft ist, Hilfsbereitschaft, Mühe und Geld in eine echte Chance für ein elternloses oder verlassenes Kind zu verwandeln. Im Fall unseres Kinderfarmprojektes war es nicht nur notwendig, ein sicheres Vertrauen zu den indischen Kontaktpersonen zu entwickeln, sondern es musste außerdem eine rechtliche Situation geschaffen werden, in der Missbrauch durch Transparenz, permanente Kontrolle und unsere eigene Präsenz ausgeschlossen ist. Wir glauben, dass uns dies inzwischen gelungen ist und hoffen, schon recht bald das Entstehen eines neuen Zuhause für 100 verlassene und elternlose in der Nähe von Mumbai (Bombay) realisieren zu können.

Wir haben nun entgegen unserem ursprünglichen Vorhaben unser Engagement zunächst nach Mumbai gerichtet, nachdem sich in den vergangenen Monaten, nämlich nach unserer Reise im März, zunehmend herausstellte, dass die Waisenkinder von Philipp Nair in Hyderabad einen weiteren großen Helfer in Indien selbst gefunden hatten.

Aus diesem Grund hatten wir uns Anfang August entschlossen, uns in die Elendsviertel von Mumbai aufzumachen und verschiedene Projekte anzusehen, die verlassene Kinder aufnehmen und versorgen.

Die Not dort ist riesig und überall gibt es fast täglich Unglücksfälle, unter denen Kinder ihre Eltern verlieren und dann schutzlos der Straße ausgesetzt sind. Ob Tsunami, oder wie in diesem Jahr die sintflutartigen Regenfälle des Monsun, Infektionen wie z.B. Aids oder auch einfach nur Unfälle, das Leben in dieser Region ist allgegenwärtig so arm und schutzlos, dass das Schicksal permanent neue verlassene Kinder hervorbringt.

Es ist unser Anliegen, für eben solche Kinder Verantwortung zu übernehmen und einen Lebensraum in Liebe und Sicherheit zu schaffen, der es Ihnen ermöglicht, in Fürsorge heranzuwachsen und später selbständige und sozial engagierte Bürger ihres Landes zu werden.

Wir wissen genau um unsere Verantwortung und hätten nicht das Recht, uns in irgendein Kinderleben einzumischen, ohne zuvor die notwendigen stabilen Vorraussetzungen dafür geschaffen zu haben. In diesem Punkt sind wir uns inzwischen sehr sicher und wollen es nun wagen, neben dem Errichten der neuen Gebäude, endlich auch Patenschaften zu vergeben.

Sich eines verlassenen Kindes anzunehmen ist ein bedeutender Schritt, denn dies heißt, bereit zu sein, dauerhaft für dieses Kind Verantwortung zu tragen. Zumindest muss es dies für unser Team bedeuten, die wir primär diesem Kinderleben Eintritt in unsere Leben und unsere Herzen gewährt haben. Man kann nicht nach einiger Zeit sagen, jetzt passt Du nicht mehr in mein Leben und in meine Verantwortung, ich interessiere mich jetzt für ein anderes Projekt.

Eine Patenschaft sollte etwas von dieser Verantwortung übernehmen.

Dennoch könnt Ihr als Paten natürlich ganz unabhängig davon jederzeit Eure Patenschaft kündigen und keine weiteren Beiträge mehr leisten, wenn Eure finanzielle Situation weitere Unterstützung nicht mehr erlaubt. Für uns bedeutet es, dass ein neuer Pate für dieses Kind gefunden werden muss, damit seine Zukunft gesichert bleibt und es bis zu seinem Erwachsenalter versorgt und behütet bleibt. Ohnehin ist das Beschaffen von Spendengeldern bzw. Patenschaften nur ein kleiner wenn auch sehr wichtiger Teil unserer Arbeit. Der wesentliche Teil besteht darin, das Vorhaben umzusetzen.

Also, unsere Reise war gründlich vorbereitet und wir konnten alle Voraussetzungen schaffen, die für das Entstehen unserer neuen Kinderfarm notwendig sind. Die Farm soll etwa 100 Jungen und Mädchen jeden Alters aufnehmen, die entweder Vollwaisen oder absolut verlassen sind. Es wird einem bereits bestehenden und wundervoll geleiteten Waisenhaus für Jungen angeschlossen.

Unser Team in Mumbai besteht inzwischen aus dem Jesuitenpater Richard Lanesmith, dem Leiter des Kinderheimes Toni Paul und einem Anwalt Namens Rakesh Kapoor, alle drei Inder.
Toni Paul wurde 1958 in einem kleinen Dorf im Bundesstaat Rajastan (Nordwestindien) geboren. Bereits im Alter von 2 Monaten verlor Toni beide Elternteile, fand aber ein Zuhause bei der Mission der Sisters of Ajami, wo er in liebevoller Obhut aufwuchs. Toni ist dann zum Technischen Zeichner ausgebildet worden und arbeitete von 1977 bis 1982 in Snehasadan, einem christlichen Kinderheim in Mumbai, welches nach dem SOS-Kinderdorf Konzept von Father Placi Fonseca, einem Jesuiten-Pfarrer, schon 1962 gegründet wurde. Toni war hier für 6 Jahre als Hausvater tätig, anschließend bis 1987 in einem katholischen Priesterorden.

1989 gründete Toni das Heim Anand Ashram, zunächst in ärmlichsten Verhältnissen in einem Dorf bei Vasai außerhalb von Mumbai. Auf unsere Frage, warum Toni nicht verheiratet ist und eine eigene Familie gegründet hat, lautet seine Antwort: Meine Philosophie ist, dass man diesen „Fulltime-Job“ nicht mit Ehefrau und Kindern leisten kann: „You get selfished“ – so seine einfache und überzeugende Philosophie. Entsprechend aufopferungsvoll leistet Toni bedingungslos liebevollste Arbeit mit zurzeit 84 Jungen im Alter zwischen 5 und 19 Jahren. Alle seine Kinder sind absolut elternlos. Warum sich die Verwandtschaft nicht um sie kümmert beantwortet Toni wieder in seiner einfachen und dennoch absolut überzeugenden Art: „They have their own problems!“

Toni lebt mit seinen Jungen in ärmlichsten und einfachsten Verhältnissen auf einem 40.000 ft² großen Grundstück ohne jede fremde Hilfe, wo er in den vergangenen Jahren einfache Gebäude zu einem Kinderheim umgebaut hat. Die wenigen ihm zur Verfügung stehenden Mittel reichen gerade zum Überleben; er bekommt sie von Fr. Placie, zu dem er weiter ein sehr gutes Verhältnis hat. Toni, selbst aus eigener Geschichte und Herkunft erfahren im Überlebenskampf, erweist sich aber auch als äußerst fantasievoll, wenn es darum geht, mit einfachsten Mitteln die für Essen, Trinken und Kleidung erforderlichen Rupies zu verdienen. So basteln seine Jungs kleine Weihnachtsgeschenke und verkaufen diese in Kirchen und auf öffentlichen Märkten. Die 12 „Rassehunde“, die Toni auf dem Grundstück hält, um seine Schützlinge vor tödlichen Schlangenbissen zu schützen, gebären ihm regelmäßig kleine Welpen, die für rund 40,00 EUR an indische Familien verkauft werden. 40,00 EUR: Damit ist die Nahrung für 1 Kind für gut 2 Monate gesichert.

Zur Zeit betreut Toni ausschließlich Jungs, denn sein Kinderheim hat absolut KEIN Personal und Mädchen, so Toni, brauchen einfach viel mehr Schutz und Betreuung. Personal, das könne er sich nicht leisten, aber die Kinder sind absolut fürsorglich miteinander, motiviert durch ihren christlichen Glauben und in großer Dankbarkeit, dass sie nicht schutzlos der Straße ausgesetzt sind. Wir hätten nicht geglaubt, dass ein Ort wie Anand Ashram möglich ist, wenn wir es nicht mit eigenen Augen gesehen und erlebt hätten. Diese 84 Jungs kochen für sich selbst, waschen ihre Wäsche selbst, halten Ordnung und kümmern sich einfach um einander. Die Hausaufgabenhefte (soweit wir sie angeschaut haben) sind durchweg ordentlich. Alle Jungs, die als 19-20 jährige das Heim verlassen haben, haben einen guten Schulabschluß und regulären Arbeitsplatz gefunden. Erfolgsquote bislang 100%. Dabei hat uns das gute Benehmen, die Höflichkeit und die Fleißigkeit dieser Kinder besonders beeindruckt.
Keine Frage - Toni hat in den vergangenen 17 Jahren und speziell an diesen Kindern bewiesen, dass er nicht nur ein riesiges Herz hat, sondern auch ein absolutes Multitalent ist.

Toni möchte sehr gern expandieren, denn täglich gibt es neue Aufnahmeanfragen für elternlose und verlassene Kinder, die er nicht aufnehmen kann, da er keine verlässliche Unterstützung hat.
Er ist aufgeschlossen für alle unsere Vorstellungen der Umsetzung, so zum Beispiel die ständige Einrichtung von Voluntariaten deutscher Jugendlicher, die Interesse an Entwicklungsarbeit mit Kindern haben.

Zweite zentrale Person unseres indischen Teams ist Fr. Richard Lane-Smith, ein pensionierter Jesuiten-Pfarrer, der in Mumbai geboren und aufgewachsen ist und über beste Kontakte zu Amtsträgern sowie ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern kirchlicher und wohltätiger Organisationen verfügt. Wir kennen „Father“ seit Jahren und schätzen ihn als absolut vertrauensvollen und uneigennützigen Menschen. Wir hatten ihn im Vorfeld über unsere Ziele zur Hilfe für Straßen- und Waisenkinder persönlich im März und dann fernmündlich und schriftlich eingehend informiert, so dass unser Besuch jetzt in dieser Weise ausreichend vorbereitet war.
Fr. Lane-Smith hat verschiedenste Kontakte für uns hergestellt und Termine vereinbart. Er wird in jeder Frage in diesem auch für uns immer noch manchmal fremden und sehr facettenreichen Land äußerst hilfreich sein und sehr motiviert über die Umsetzung des Projekts und die Einhaltung von Transparenz der Finanzen und absolute Zweckgebundenheit wachen.

Rechtsanwalt Rakesh Kapoor ist beim High Court of Mumbai zugelassen und vor allem mit Kindes- und Familienangelegenheiten befasst. RA Kapoor erklärte sich bereit, uns in allen Fragen betreffend die Unterstützung bzw. Gründung eines Heimes für Straßen- und Waisenkinder bzw. eines Charity Trust zu beraten und zu vertreten. Er klärt uns über die wichtigsten rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen auf.

Wir haben beschlossen, zunächst einige Patenschaften für die Kinder zu vergeben, die bereits in Anand Ashram leben. Erstens braucht Toni dringend Unterstützung, die verlässlich ist und zweitens brauchen wir noch einige Monate, vielleicht ein halbes Jahr, bis auf der neu entstehenden Kinderfarm Mädchen und Jungen aufgenommen werden können. Dies ist im Wesentlichen auch davon abhängig, wie viele Einzelspenden wir mobilisieren können, denn die Gelder aus den Patenschaften gelten ja ausschließlich dem täglichen Bedarf.

In wenigen Wochen werden wir denjenigen von Euch, die sich für eine Patenschaft interessiert haben, einen konkreten Kindervorschlag machen, dem Ihr dann hoffentlich zustimmen könnt. Wie eine solche Patenschaft unabhängig vom finanziellen Beitrag begleitet werden kann, welche Kenntnisse nötig sind und wie Ihr Kontakt zu Eurem Patenkind aufnehmen könnt, werden wir dann mit dem Kindervorschlag noch einmal gesondert mitteilen und jede Frage natürlich auch über email oder telefonisch gern beantworten.

Wir haben uns bemüht Euch mit diesem Brief umfassend zu informieren und hoffen natürlich von ganzem Herzen, dass möglichst viele von Euch nun auch Ihren Wunsch nach einem Patenkind verwirklichen.

Wir werden Euch natürlich weiter regelmäßig über den Fortschritt unseres Projektes berichten. Schon bald wird auch unsere Homepage www.chance-for-children.de jeweils aktuelle Informationen bereithalten.

Bis dahin grüßen wir Euch in Dankbarkeit,
Eure Andrea und Uwe Bethge

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