Jedes Kind hat eine Chance verdient

Patenbrief Februar 2006

Liebe Freundinnen und Freunde von chance for children,

Im Dezember erfolgte unsere jüngste Reise nach Mumbai/Indien, von der wir nun gerne berichten wollen. Unser Reisebericht hat wegen der Ankunft unserer zweiten kleinen Tochter Divya einige Wochen auf sich warten lassen. Wir hatten alle Hände voll zu tun, der Kleinen den kompletten Wechsel in ihrem Leben zu erleichtern und unseren Familienalltag wieder in geordnete Bahnen zu führen. Die Kleine ist ein lebendiges, hellwaches Kind, das nach drei Jahren Warten im Kinderheim mit aller Kraft versucht, die Welt für sich zu entdecken. Es scheint, als ob sie sehr schnell aufholen will, was ihr bislang versagt blieb und wir sind insgesamt sehr glücklich, dass Divya nun zu uns gehört.

Obwohl unsere Reise naturgemäß von diesem sehr persönlichen Ereignis maßgeblich geprägt war, sind wir während unseres 9-tägigen Aufenthaltes mehrfach in unser Kinderheimprojekt ANAND ASHRAM gefahren und haben Tony Paul und die 85 Jungen, die zurzeit in seiner Obhut sind, besucht. Der erste Besuch war am 26. Dezember 2005, Weihnachten!! Es war für uns alle ein wunderschöner Tag.

Die Jungen hatten unsere Ankunft vorbereitet und sich wirklich sehr über unser Kommen gefreut. Alle Jungen sahen aus wie aus dem Ei gepellt, in gebügelten Hemden oder dem besten T-Shirt was sie hatten. Ihre Freude über unser Kommen brachten sie zum Ausdruck indem sie uns traditionelle heimische Tänze und verschiedene Lieder im Chor vortrugen.

Wir hatten darum gebeten, an einem ganz normalen Mittagessen teilnehmen zu dürfen, so wie die Kinder es jeden Tag essen. Und so war es dann auch. Drei der älteren Jungen hatten für uns alle gekocht, Reis mit einer schärferen Soße und dazu gab es Brot. Die Jungen, die für uns ihre Plätze geräumt hatten, saßen auf dem Boden.

Alles lief unglaublich diszipliniert ab und strahlte dennoch eine wundervolle Atmosphäre von Harmonie und Fröhlichkeit aus. Wir genossen das Zusammensein mit diesen Kindern sehr.

Der absolute Höhepunkt für die Kinder war dann das Verteilen unserer mitgebrachten Geschenke. Natürlich gibt es immer wieder auch Jungen, die irgendwelche Verwandten besuchen, gerade an einem Tag wie Weihnachten, aber der wohl gelenkte Zufall wollte es, dass wir inklusive Eurer gepackten Patengeschenke genau 76 Geschenkpakete dabei hatten! Es war ein einziges Rascheln und Tuscheln und Erzählen und ein „Nase in das Paket des anderen" stecken, wie man es nur selten erleben darf. Kinder, die niemals etwas geschenkt bekommen freuen sich in viel ursprünglicherer Weise als wir es von unseren Kindern gewohnt sind - und wir waren von dieser Freude sehr berührt. (Deine WM-T-Shirts, Anja, sind natürlich super klasse angekommen!)

In den nächsten Tagen haben wir dann mehrfach die Möglichkeiten unserer weiteren Zusammenarbeit besprechen können. Wir haben dargelegt, dass es unser Ziel ist, ausschließlich für Kinder und Jugendliche, die sonst niemanden haben, die also vollkommen verlassen sind, eine Chance auf ein menschenwürdiges Dasein und eine angemessene Ausbildung innerhalb eines Heimes sowie es das seine darstellt, zu ermöglichen. Wir haben ebenso erklärt, dass wir keine reinen „Geldlieferanten" sein können, sondern auch unsererseits den Wunsch und das Bedürfnis haben, teilzunehmen an der Entwicklung des Projektes und an den Schicksalen der Kinder. Wir haben Tony gesagt, dass die Paten ganz überwiegend mit großer innerer Anteilnahme und Freude etwas über den Werdegang ihres Patenkindes erfahren möchten.
Freude etwas über den Werdegang ihres Patenkindes erfahren möchten.

Zurzeit werden von den 85 Jungen, die im Kinderheim Anand Ashram leben, 25 durch eine Patenschaft begleitet und mit 15,00 EUR im Monat unterstützt. 10 weitere Kinder werden in diesen Tagen vermittelt und es ist geplant, in den nächsten Wochen die Anzahl der Patenschaften auf 50 zu erhöhen.

Darüber hinaus haben wir natürlich besprochen, wie es mit dem zweiten Kinderheimprojekt weitergehen kann, welches in unmittelbarer Nähe entstehen soll. Denn täglich hat Tony erneute Anfragen, ob er noch mehr Kinder aufnehmen kann. Meistens lehnt er diese Anfragen noch ab, weil seine Kapazitäten momentan absolut erschöpft sind und jede Aufnahme ja eine Verantwortung für viele Jahre bedeutet.

Unser Ziel war und ist es bislang aber, Jungen und Mädchen gleichermaßen zu unterstützen und wir möchten von dieser Basis eigentlich auch nicht ablassen. Dennoch hat unser langes und intensives Gespräch mit Tony Paul uns nochmals Einblick und Einsicht über die viel umfassenderen Probleme gegeben, die ein Kinderheim aufwerfen würde, in dem Jungen und Mädchen gleichzeitig betreut werden. Man muss einfach sehen, dass Tony bislang mit diesem Minimum an materiellen Mitteln auskommen konnte, da die Tatsache, dass er nur Jungs hat, es ermöglicht, dass das gesamte Haus ohne jedes Personal betrieben werden kann. Die Jungen wissen um ihre einmalige Chance dort leben zu können und in einem christlichen Miteinander fühlen sich alle gleichermaßen für das Gelingen des Ganzen verantwortlich. Jeder hat seine Pflichten und Aufgaben und diese werden auch überwiegend gut erfüllt. Jedenfalls war dies sehr glaubhaft unser Eindruck. Es ist kaum möglich ist, soviel Disziplin, Freude und Natürlichkeit auszustrahlen, wenn dies nicht auch die Realität des Täglichen widerspiegeln würde. Jedenfalls sind wir sehr davon überzeugt, dass Tony Paul wegen seiner eigenen Herkunft als Weise einen festen Glauben in den Dienst am Nächsten entwickelt hat und in bewundernswerter Weise geeignet ist, aus diesen Kindern das herauszuholen was in ihnen steckt.

Jungen und Mädchen gleichermaßen zu versorgen würde bedeuten, auf jeden Fall einiges Personal einstellen zu müssen und auch logistisch eine Trennung zwischen den Jungs und den Mädchen herzustellen. Denn wie sich jeder von uns vorstellen kann, liegt in so einer Konstellation eine ganz andere Dynamik. Außerdem hat uns Tony darauf aufmerksam gemacht, dass Mädchen in viel höherem Maße schutzbedürftig sind, da sie als verlassene Kinder quasi jedem Missbrauch ausgesetzt sind. Bei vielen Menschen ist hierfür kein Unrechtsbewusstsein vorhanden. Ein Heim für Jungen und Mädchen würde zum Einen sehr viel mehr Geld kosten und zum Anderen müssten Heimeltern gefunden werden, die für die Kinder Mutter und Vater gleichermaßen darstellen. Wir wollen uns am Vorbild der der SOS Kinderdörfer orientieren und die Vorraussetzung für eine Situation schaffen, in der Kinder in eine Art Ersatzfamilie aufgenommen werden. Hier sollen sie eben nicht nur materiell versorgt werden, sondern vor allem in liebevoller und sicherer Atmosphäre aufwachsen können und die Sicherheit haben, dass sie nicht wieder abgegeben werden. Wir haben deshalb bereits Kontakt mit anderen Kinderheimprojekten aufgenommen und werden uns deren Erfahrungen zu Nutze machen. Auf jeden Fall ist es notwendig, die indischen Besonderheiten zu respektieren und sich die Einschätzungen anderer Hilfsorganisationen anzuhören, die in Indien bereits Heime leiten.

Natürlich haben wir selbst eigene Vorstellungen davon, wie Kinder leben sollten und welche Möglichkeiten wünschenswert sind. Ob sie beispielsweise in kleinen Häuschen oder in einem großen Haus leben sollten oder ob sie etwa ein eigenes Bett brauchen. Aber all diese Vorstellungen sind nicht maßgeblich, da sie eben unserem Denken entsprechen und aus dem Vergleich mit unserer Lebenswirklichkeit entstanden sind.

Tony Paul war z. B. völlig überrascht darüber, dass wir die Tatsache, dass alle seine Jungs auf dem Fußboden schlafen, für ein Zeichen materieller Armut hielten. Wir dachten eigentlich, dass jeder Mensch selbstverständlich in einem eigenen Bett schlafen und vielleicht einmal ein eigenes Zimmer haben oder mit nur vier oder sechs Zimmergenossen teilen möchte. In dieser Ansicht hatten wir uns aber gründlich geirrt. Denn in Indien ist es üblich, dass fast alle Menschen auf dem Fußboden schlafen und auch dass sie in großen Ansammlungen nebeneinander in einem Raum schlafen. Auch fand Tony unsere Vorstellung abwegig, dass es lieber mehrere kleinere Häuser geben sollte, in denen die Kinder untergebracht werden, um Raum für Individualität und Privatheit zu schaffen. Tony klärte uns darüber auf, dass die Kinder viel lieber alle zusammen in einem Raum schlafen und es eher als Strafe empfinden würden, wenn einige von Ihnen in entfernteren „Luxusunterbringungen" wohnen dürften. Sie würden sich dann einfach ausgeschlossen fühlen.

Hinsichtlich eines neuen Kinderheimsprojektes ist es also notwendige Voraussetzung, die landesüblichen Vorstellungen von Zusammenleben umzusetzen, wenn dies gelingen soll.

Insgesamt sind wir übereingekommen, dass zunächst die Anzahl der Patenschaften für die Kinder in Anand Ashram erhöht werden soll, damit Tony Paul etwas mehr finanzielle Unabhängigkeit hat und nicht jeden Monat von der Hand in den Mund leben muss. Erstens können wir uns so weiterhin kennen lernen und das gegenseitige Vertrauen durch gegenseitige Zuverlässigkeit erhöhen und zweitens gewinnen wir etwas Zeit, um das neue Projekt im Detail vorzubereiten. Außerdem ist es notwendig, während der Planungsphase des neuen Kinderheims parallel ausreichend Spenden zu sammeln, damit dieses dann doch in einem Schritt umgesetzt werden kann. In einem Schritt, damit meinen wir maßgeblich die baulichen Voraussetzungen in einer Weise wie es auch leicht erweitert werden kann. Aber es macht keinen Sinn, mit der Bauphase zu beginnen, wenn nicht wenigstens ausreichend Geld für die Basis vorhanden ist, die es möglich macht, eine gewisse Anzahl von Kindern neu aufzunehmen.

Natürlich werden wir weiterhin alle Möglichkeiten, die sich uns bieten nutzen, um Spenden für das neue Kinderheim zu sammeln. Zurzeit haben wir 7.500,00 EUR für das neue Kinderheim sicher und denken, dass wir den Startschutz geben werden, wenn 20.000,00 EUR zusammen gekommen sind. Da das Grundstück bereits vorhanden ist, ist dies die nötige Summe, um ein großes Schlaf- und Wohngebäude und eine Küche zu bauen, diese einzurichten und die Außenanlagen herzustellen.

Die kontinuierliche Versorgung der Kinder, die neu aufgenommen werden, soll ebenfalls durch Patenschaften sichergestellt werden. Es werden also nur so viele Kinder aufgenommen werden wie Patenschaften vorhanden sind. Man muss sich einfach klarmachen, dass jedes aufgenommene Kind eine Verantwortung und Verpflichtung für viele Jahre bedeutet, zumindest für diejenigen, die vor Ort für die Kinder zuständig sind. Es ist kaum vorstellbar, das Tony Paul auch nur einen seiner Jungen wieder auf die Straße setzt, nur weil von irgendjemandem kein Geld mehr kommt. Für diesen Fall wird alles eben knapper und es muss noch mehr geteilt werden.
Allen von Euch, die chance vor children bereits durch Mitarbeit, eine Patenschaft oder einmalige Spenden unterstützen möchten wir nochmals sagen: wir sind mit einem sehr guten und sicheren Gefühl nach Hause gekommen, an dieser Stelle in Mumbai wirklich gebraucht und wichtig zu sein. Die Kinder aus Anand Ashram sagen DANKE für diese Hilfe. Wir hoffen also sehr, dass wir genügend weitere Helfer finden, die unsere Arbeit unterstützen.

Wir schreiben wieder, sobald es neues Wissenswertes zu berichten gibt und stehen aber per E-mail, telefonisch oder persönlich jederzeit zur Verfügung, um Fragen zu beantworten oder Vorschläge entgegen zu nehmen.

Wir hoffen, Ihr hattet einen guten Start in das neue Jahr und grüßen jeden von Euch voll Dankbarkeit für Eure Unterstützung.

chance for children

Andrea und Uwe Bethge

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