Jedes Kind hat eine Chance verdient

Anand Ashram - Ein Reisebericht aus dem August 2006 von Felix Dietrich-Bethge

Aus dem Tagebuch:

"Sonntagmorgen um 5.30h in der Früh werde ich von einem der älteren Jungen geweckt. Am Vorabend hatte ich versprochen, die Kinder mit in die Kirche zu begleiten. Ob der ungnädig frühen Zeit, mein Versprechen noch verteufelnd, holt das laute Prasselgeräusch des Monsunregens mich in den Tag und aus dem Bett.

Ein wenig später geht es in Zweierreihen, unter Regenschirmen versteckt, auf den halbstündigen Weg zum Gottdienst.  Die Kinder haben dabei sichtlich Spaß an diesem allwöchentlichen Ausflug und sind bester Dinge.

Auf dem Rückweg gehen alle merklich schneller. Wir haben Hunger und warten schon auf unser Frühstück. Im Heim angekommen bringt sich jeder in dem kleinen Speisesaal in Position. Die größeren Jungs sitzen an den Tischen, die Kleineren davor auf dem Boden - für mehr ist kein Platz. Drei Kinder sind heute früh nicht mit in die Kirche gekommen, um das Frühstück vorzubereiten. Erst als alle sich ordentlich hingesetzt haben fangen sie an, das Essen zu verteilen. Es wird gebetet und wir können anfangen.

Anschließend wird gespielt. In allen Ecken des Heims sitzen die Kinder in Grüppchen und beschäftigen sich. Auch draußen ist jetzt Bewegung. Obwohl es seit Wochen ohne Unterlass regnet und der Sportplatz mehr einem Swimmingpool, als einem Spielfeld  gleicht, trauen sich ca. 30 Jungs an den Fußball und stürzen sich in eine mörderische Rutschpartie. Da muss ich natürlich dabei sein. Ein riesiger Spaß. Als sich dann aber das zweite Kind das Knie aufschlägt, brechen wir das Spiel nach zwei Stunden beim Stand von 14:22 ab.
Das Mittagessen verläuft genauso wie das Frühstück. Es gibt Reis mit Gemüse - wie so häufig. Aber noch bin ich am Anfang meines Aufenthalts und nicht wählerisch.

Der Nachmittag vergeht ruhig. Der Regen wird immer stärker und so ziehen sich alle ins Haus zurück. Einige Kinder schlafen, die anderen sind mit Ihren Hausaufgaben beschäftigt oder spielen Karten. Am Abend zwängen sich die 80 Jungs und ich dann noch vor den Fernseher. Es gibt Mr. Bean, der hier in Indien nicht minder bekannt ist. Nach einem langen Tag lege ich mich wie die Kinder müde hin und schlafe sofort ein."

Dies ist ein kleiner Auszug aus dem Alltag in Anand Ashram, einem Waisenheim mit 80 Jungs in der Nähe von Mumbai.Für zwei Wochen durfte ich dort im Juli 06 am Leben des Heimleiters Tony Paul und der Kinder teilhaben.

Die Jungs, alle im Alter von 6-18 Jahren, erwartet jeden Morgen ein langer, gründlich durchorganisierter Tag. Trotz vieler Verpflichtungen wie Schule, Hausaufgaben, Arbeiten im Haus und Gebetstunden bleibt noch Platz zum Spielen.

Besonders beeindruckend erschien mir der geregelte, reibungslos verlaufende Alltag. Keine Selbstverständlichkeit, wenn ich bedenke, dass leider bis heute einzig der Heimleiter Tony Paul für das Wohl der Kinder vor Ort zuständig ist.
Das Gelingen eines jeden Tages hängt grundlegend von der hierarchischen Struktur im Anand Ashram ab, in der die größeren Kinder Verantwortung für die Kleineren übernehmen.

Jedem Kind sind wöchentlich rotierend, feste Aufgaben zugeteilt. Dass nur eine davon unzureichend besorgt wurde, habe ich während meines Aufenthaltes nicht erlebt.

Es hat mich sehr gefreut, beobachten zu dürfen, mit welcher Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit fast jedes Kind dieser Verantwortung nachkommt – der Umgang zwischen den Jungs ist dabei stets von gegenseitigem Respekt und Fürsorge geprägt.

In den vielen Einzelgesprächen, die ich mit den Kindern führen konnte, wurde ganz deutlich, wie sehr sie sich mit Ihrem Ashram verbunden fühlen. Ihr Heim ist für sie weitaus mehr als nur eine Absicherung durch Bildung, Gesundheit und Ernährung: es ist ihre Familie. Hier schöpfen sie Selbstvertrauen und den Wunsch, etwas aus ihrem Leben zu machen. Sie wissen um die Chance, die ihnen das Ashram und Tony Paul ermöglicht, was sie ständig aufs Neue motiviert. Dies wird allein durch einen Blick in die sorgfältig geführten Hausaufgabenhefte der Kinder deutlich.

Tony Paul ist stolz darauf, berichten zu können, dass alle bis auf zwei Jungs die Versetzung ins nächste Schuljahr geschafft haben.
Ein Kleines Wunder, bedenkt man allein die äußeren Widrigkeiten, mit denen die Kinder tagtäglich konfrontiert werden. So gibt es bis heute noch keinen Platz an dem sie ungestört lernen können: sie schlafen, essen und spielen in ein und demselben Raum. Ein weiteres Problem in dieser Jahreszeit ist dabei der Strom, der einen Großteil des Tages ausfällt.
Und natürlich mangelt es an Betreuungspersonal, um besser auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen zu können.(Dies alles sind Hindernisse, von denen ich mich vor Ort selbst überzeugen konnte und die es nun anzupacken gilt.)
In den nächsten Monaten wird nicht nur ein neues Stromversorgungssystem eingerichtet, auch ist der Bau eines Schlafsaals bereits in Planung und ein lokaler Sozialarbeiter wird künftig mit in dem Heim wohnen, um sich eingehender um die persönlichen Belange der Kinder zu kümmern.

Anand Ashram bedeutet übersetzt „das glückliche Heim". Trotz der schwierigen Gegebenheiten vor Ort, ist es jedoch genau das für die Kinder. Aus diesem Grund bin ich überaus froh, an einer Aufrechterhaltung und Verbesserung teilhaben zu können, bei der alle Hände gebraucht werden. Denn Pläne gibt es reichlich: neben der Errichtung eines Schlafsaales, wird in den nächsten Monaten auch ein neues Stromversorgungssystem eingerichtet. Zusätzlich wird künftig ein ansässiger Sozialarbeiter mit im Haus wohnen und eine weitere Stütze für die Kinder sein.

All das ist wichtig, damit dieser Platz und die Kinder dort weiter glücklich sein können.

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